Bericht RVZ

Es gibt wohl nur eine Radsportverantstaltung, die noch älter ist als unser Verein: Paris-Brest-Paris. Zum ersten mal durchgeführt wurde Paris-Brest-Paris, oder kurz PBP, 1891. Damals und bis 1951 war PBP ein Radrennen für Profis und Amateure. Heute ist es ein sogenanntes Brevet und es wird ganz bewusst keine Rangliste geführt. Alle, die in der vorgegebenen Zeit ankommen, sind Sieger. Je nach Startzeit hat man 80, 84 oder 90 Stunden Zeit, die Strecke zu absolvieren. Da ich ungeduldig bin und auch nicht gerne sehr früh aufstehe, habe ich mich für einen Start am Sonntag entschieden. Es wird alle Viertelstunde in Gruppen von 200 bis 400 Fahrer gestartet. Die erste Gruppe startet am Sonntag um 16 Uhr, weitere Gruppen starten bis 21 Uhr, am Montag geht es dann weiter mit den Starts ab 4:50, die letzten fahren um 5:30 Uhr los. Ich fuhr bereits mit der zweiten Gruppe um 16.15 Uhr los. Für das Privileg früh zu starten, zahlt man mit einer maximalen Fahrzeit von 80 h. Angemeldet haben sich etwa 7600, gestartet sind 6673, etwas weniger als 70 % absolvierten das Brevet erfolgreich. Es sind rund 1200 km und etwa 10'000 Hm zu bewältigen. Die ganz Schnellen sind schon nach 44 Stunden zurück.

Das Ziel bei meiner vierten Teilnahme war das Risiko (bzw. Müdigkeit & Schmerzen) zu minimieren und deshalb genug zu schlafen und trotzdem genügend Reserve auf die 80 h Limite zu haben. Ich hatte schon 2015 gute Erfahrungen mit längeren Schlafpausen gemacht. Dieses mal wollte ich sogar noch etwas mehr schlafen und auch gelegentlich bei den privaten Unterstützern auf der Strecke Halt machen. Ich habe schon etwa 15 Jahre Langstreckenerfahrung, für Strecken über 600 km berechne ich 4 h Fahrzeit pro 100 km, dazu kommt pro 1000 Hm nochmals eine Stunde. Die erste Nacht fahre ich durch, für die zweite Nacht und dritte Nacht voranschlage ich jeweils 6 h Pause d.h. etwa 10 h Schlafzeit für 3 Nächte. Etwa alle 80 km gibt es eine Kontrollstelle, insgesammt sind es 14. Für Kontrolle, Essen und "Körperpflege" jeweils eine halbe Stunde. Das ergibt 48 + 10 + 12 + 7 = 77 h. Auch wenn ich mit einem 28er Schnitt fahre (ohne die 10 h Zuschlag für die Höhenmeter) und die Pausen gleich bleiben, wäre ich nur 16 h Stunden schneller. Das wären dann 61 Stunden. Mit schnell fahren kann man nur begrenzt Zeit gut machen. Insbesondere die Steigungen drücken den Schnitt, da das Velo sicher 5 kg schwerer ist (ohne Betreuungsteam muss man Ersatzkleider, Proviant, Werkzeug usw. selbst transportieren). Da die meisten keinen 25er Schnitt fahren können, beibt nur die Möglichkeit die Pausen zu verkürzen. Mit extremen Schlafmangel fährt man aber noch langsamer.

Zum Vergleich: Zürich-Klausen-Zürich sind 200 km und 2500 Hm. Diese Strecke müsste man 6 mal fahren, bei der letzen Runde würde der Aufstieg geschenkt, dann stimmt's etwa mit den Höhenmeter. Wenn man jeweils 8 h für eine Runde braucht und dazu 1 h Pause macht, sind das 54 h. 8 h für die Klausenrunde ist ganz schön ambitioniert.

Das Ziel mit den 77 h habe ich um 2 h unterboten und war mit dieser Zeit etwa in den ersten 20 % der Teilnehmer. Für die Hälfte der Strecke bis nach Brest habe ich etwa 28 h gebraucht und das bei stetigem Gegenwind. Ich freute mich auf den Rückenwind nach Brest. Doch genau dann drehte der Wind. Ich hatte dann nur einmal Rückenwind, von Villaines-la-Juhel nach Mortagne. Es ging sogar leicht bergab. Ich machte wirklich Tempo, bis ich dann festellen musste, dass ich mich verfahren hatte. Die Fahrt zurück auf die Strecke war wohl der Tiefpunkt. Es waren zusätzliche 30 km und etwa 1 1/2 h. Eigentlich kann man sich nur an zwei Orten verfahren. Und ich habe das trotz Navi und Ausschilderung geschafft.

An jeder Kontrollstelle besteht die Möglichkeit zu schlafen. Meist sind die Kontrollstellen Schulen (Lycée), die Mensa wird im 24 h Betrieb geführt und man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit frühstücken oder essen. Die Turnhalle wird in eine Art Matrazenlager umfunktioniert. Ich weiss von früheren Teilnahmen, dass ich trotz grosser Müdigkeit schlecht in Massenunterkünften schlafe. Das Geschnarche und das ewige Rein und Raus lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Deshalb habe ich auf dem Hinweg nach Brest nach einem Hotel Ausschau gehalten und tatsächlich etwa 40 km vor Brest in Lizun eines gefunden. Etwa abends um 7 habe ich dort im Hotel Voyageurs ein Zimmer reserviert. Die freundliche Dame an der Reception hat mich darauf hingewiesen, dass ich doch einen Teil des Gepäcks im Hotel deponieren könnte. Ich war so müde, mir wäre das nie eingefallen. So konnte ich die 80 km von Lizun nach Brest und wieder zurück fast ohne Gepäck fahren. Um etwa 11 Uhr war ich im Hotel, konnte noch etwas essen und habe dann bis etwa 5 Uhr geschlafen. Um 6 war ich bereits wieder auf der Strecke, es war etwa 6°C kalt und ich habe alles angezogen, was ich dabei hatte. Hoffentlich lesen diesen Bericht nicht zu viele, die es mir dann gleich tun, und deswegen das Hotel das nächste mal ausgebucht ist. Auch für die dritte Nacht habe ich ein Hotel in Gorron gefunden. Das war ganz schön abgewohnt, doch ein Bett und Ruhe sind Gold wert. Nach der dritten Nacht und etwa 960 km hat man das Gefühl, dass es nicht mehr weit ist. Was sind schon 250km? Doch die Pausen werden länger, der Schnitt sinkt, die Schmerzen (bei mir v.a. Hände, Füsse und Nacken) werden grösser. Für die letzten 250 km brauchte ich etwa 14 h (Schnitt 18 km/h). Ich hatte es nicht mehr so eilig, da ich wusste, dass ich erst nach Mitternacht im Ziel sein musste. Kurz nach 8 war ich im Ziel. Es stellte sich keine Euphorie ein, einfach eine stille, tiefe Freude.

Das schönste ist vielleicht die Begeisterung der Bevölkerung der Bretagne für diesen Radsportanlass. Unglaublich wie viele Freiwillige helfen und Tag und Nacht auf den Beinen sind. Nicht nur die offiziellen Helfer in den Kontrollstellen. Auch viele in den Dörfern, die gratis Essen und Trinken und sogar Unterkunft anbieten. Die Sportbegeisterung und Anteilnahme und das nicht nur für Spitzensportler, ist einfach grandios. JedeR wird beklatscht und angefeuert mit "Bon courage" und "Bonne route". Alles ist gut organisiert und dabei ohne jegliche kleinliche Regulierwut.

Und doch bringt dieses Brevet vermutlich jedeN an seine/ihre Grenzen. Und auch das macht es aus. Die eigenen Grenzen erfahren und das Wissen, dass man zu mehr fähig ist, als man glaubt. Das lässt einen den Alltag gelassener angehen. Zum Glück findet PBP nur alle vier Jahre statt, jedes Jahr möchte ich mir das nicht antun.

-- Peter Schmid - 2019-11-15

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